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ERZÄHLUNGEN

Die Wiesenmühle

Die Wiesenmühle - Eine dörfliche Erzählung

Unter den vielen stillgelegten dörflichen Mühlen des Geistales nimmt die Wiesenmühle geschichtlich einen hervorragenden Platz ein. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist diese Mühle in der Zeit der Hersfelder Klostergründung unterhalb der Dorfschaft Raboldshausen von den Mönchen des Benediktinerklosters erbaut worden. Da das Dorf Salzberg mit der ertragreichen Flur zwischen Salzberg und Raboldshausen dem Kloster zu eigen war, war für das Mahlen von Korn und Gerste eine Mühle unentbehrlich. Noch heute wird dieses Flurstück mit "Hirschfeld" (Herschfäld) bezeichnet, während der Salzberger Teil "Pfaffmannsgraben" genannt wird. Diese Flurbezeichnungen sind deutliche Hinweise auf den Zusammenhang mit dem Hersfelder Kloster. Auch geben diese Flurbezeichnungen den vermutlichen Zeitraum an, in den die Erbauung der Wiesenmühle fällt. Nach dem ersten Weltkrieg erzählte mir Heinrich Kimpel, der die Schneidemühle zu dieser Zeit führte, dass in dem Mahlwerk der Mühle ein altes hölzernes Kammrad ausgewechselt worden sei, auf dem das Lulluskreuz deutlich zu sehen war.

Dank des großen Wasservolumens, das der Geisbach, im Dialekt mit "Ges" bezeichnet, aufwies, konnte die Mühle Tag und Nacht betrieben werden. Eine Familie mit Namen Freund, deren Vorfahren aus den französischen Alpen (Piemont) stammten, gehörte der Glaubensgemeinschaft der Waldenser an. Um der damaligen Verfolgung in Frankreich zu entgehen, flüchtete die Familie zunächst nach Holland. Von dort aus kam sie durch die Hilfe der Oranier, deren Stammhaus sich in Weilburg befand, in das hessische Dorf Raboldshausen, wo die Freunds die Wiesenmühle zur Zeit des 30ȭjährigen Krieges übernahmen.

Die durch den Krieg herunter gekommene Mühle setzten sie wieder instand. Nach Beendigung des Krieges wurde ihnen die Mühle als Eigentum überschrieben. Sie hatten einen Sohn, der Färber war und gleichzeitig die französische Tradition der Bildweberei beherrschte. Die Tochter der Familie Freund heiratete den Posthalter Lange in Raboldshausen, und dieses Ehepaar übernahm die Mühle, denn der Sohn hatte in der Dorfschaft Raboldshausen ein Haus erworben und dort eine gut gehende Färberei eingerichtet. Er heiratete eine Hugenottin, von welcher nur der Vorname "Yvonne" bekannt geblieben ist.

Zu der Mühle, die Karl Lange übernahm, gehörte eine mittelgroße Landwirtschaft. Die Frauen in der Wiesenmühle und in der Färberei sprachen sowohl französisch als auch deutsch. Sehr oft versammelten sich in der Mühle die im Umkreis wohnenden Hugenotten und trugen zur Erhaltung ihrer alten Heimatsprache bei. Nicht allein die Gastfreundschaft in der Wiesenmühle und in der Färberei trugen zur geschäftlichen Entwicklung bei, sondern auch die Liebenswürdigkeit und Schönheit der Frauen spielte eine gewisse Rolle. In den Jahren nach 1806 hatte Napoleon Bonaparte auch Preußen besiegt und das Königreich Westfalen, zu dem auch Hessen gehörte, annektiert. Überall wurde nun die französische Verwaltung und das französische Recht eingeführt. Die Dorfschaft Raboldshausen gehörte verwaltungsmäßig zu Schwarzenborn, und der eingesetzte französische BürgermeiAter nahm, wie alte Raboldshäuser erzählten, als Präfekt eine bedeutende Stellung ein. Er hatte vom Jahr 1809 an sehr viel mit der Versorgung der französischen Armee zu tun. Die Planung von Napoleons Feldzug gegen Rußland machte es erforderlich, die Versorgung der Armee und die Bekleidung der Soldaten auf lange Zeit hin sicher zu stellen. Im Rahmen dieser Aufgaben griff Napoleon auf die sogenannten Präfekten zurück, die über großes organisatorisches Geschick verfügen mussten.

Der Präfekt hatte von der Färberei in Raboldshausen erfahren und beauftragte sie, Hosen und Uniformen der Armee zu färben. Die sehr hübsche und charmante Frau des Färbers, die zum einen sehr geschäftstüchtig war, zum anderen aber französisch sprechen konnte, hat viel zu einer geschäftlichen bedeutenden Entwicklung beigetragen. Auch die Wiesenmühle war mit der Versorgung mit Mehl in die Bevorratung eingespannt. Aller Wahrscheinlichkeit nach hat dieser Präfekt auch mit Napoleon in direkter Beziehung gestanden, denn der Kaiser besuchte mit dem Präfekten und einem großen Reiteraufgebot die Wiesenmühle. Auch Napoleon war von der Liebenswürdigkeit der Familie beeindruckt. Er soll gesagt haben: "Wir werden uns in nächster Zeit hoffentlich bald einmal wiedersehen." Dieses Wiedersehen geschah schon zwei Jahre später. Denn nach seiner Niederlage im Rußlandfeldzug war Napoleon gezwungen, so schnell wie möglich von Moskau über Deutschland nach Frankreich zu gelangen. Sein Fluchtweg soll durch abgelegene Gebiete gegangen sein, um ihn keiner Gefahr auszusetzen. Wie erzählt wurde, hat er dann auf der Flucht die Gastfreundschaft des Wiesenmüllers in Anspruch genommen. Als er am nächsten Morgen seine Flucht fortsetzte, wollte er dem Müller die Übernachtung bezahlen. Dieser lehnte ab und sagte, er nähme nur Geld für das Mahlen. Aufgrund der örtlichen Überlieferung kann man mit einiger Wahrscheinlichkeit diesen Erzählungen glauben, so dass diese alte Mühle eine Bedeutung über nationale Grenzen hinweg besessen hat.

In diesem Zusammenhang ist auch die Malerfamilie Tischbein erwähnenswert, die über "sieben Satteln", wie man sagt, mit der Familie Lange verwandt war. Das Bild einer Gräfin, das Tischbein in der Wiesenmühle gemalt haben soll, ist von einem Onkel der Familie Lange nach Amerika mitgenommen worden.

Ich habe dieses Bild in meiner Jugendzeit selbst noch gesehen. Vielleicht ist es möglich, durch den nun gebildeten Förderverein zur Erhaltung der Wiesenmühle Näheres über das Bild zu erfahren. Meiner Ansicht nach stammte dieses Bild entweder von dem Kasseler Maler Tischbein, welcher Goethe auf seiner Italienreise begleitete, oder von seinem Bruder, der als Porträtmaler in Leipzig tätig war.

Außer der Wiesenmühle existierte auch eine sogenannte Schneidemühle, die nach 1648 von dem Mühlenbauer und Brettschneider Jakob Schminke auf dem früheren wallensteinischen Holzplatz zusammen mit einer Ölmühle und einem Wohngebäude errichtet worden war. Schon nach einigen Jahrzehnten zog die Familie Schminke wieder in ihre alte Heimat in das Weserbergland zurück. Der Großvater von Wilhelm Lange übernahm dann das gesamte Anwesen. Er hat eine Frau aus Kassel geheiratet, deren Vorfahren gleichfalls aus Frankreich stammten.

Es ist zu begrüßen, dass sich die Nachkommen der Familie Lange bemühen, der alten Gastlichkeit in der Mühle eine Zukunft zu geben. Wie ich dargestellt habe, macht unsere dörfliche Überlieferung deutlich, dass die Wiesenmühle auf eine ungewöhnliche Geschichte zurückblicken kann, und es freut mich, dass sich die heutigen Besitzer dieser Geschichte verpflichtet fühlen.

Verfasser:
Heinrich Stippich; Semmelbergstraße 16
36286 Neuenstein-Raboldshausen